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meinwalserweg

„Chrischtesch choschtlechi Chriäsi gschentä, choschtet gchöörig Gguraaschi! „**

Im August 2019 wanderte ich auf dem Walserweg  Graubünden  von San Bernardino nach Davos. Das sind rund 200 Kilometer in 14 Tagen. Aus den erlebten Geschichten entstand der Blog „meinwalserweg“

              ** Christians köstliche Kirschen zu stehlen, braucht sehr viel Mut!

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Die Entscheidung für den Walserweg Graubünden ist schnell gefallen. In meiner Kindheit verbrachte ich meine Sommer- und Herbstferien Jahr für Jahr bei meinem Nani  auf einem Maiensäss am Stelserberg. Da wusste ich noch nichts von den Walsern. Erst  viele Jahre später  wurde mir bewusst, dass ich meine Ferien in einem Walserhaus verbracht hatte.  Die Zeit am Stelserberg, die Wanderausflüge mit meinem Vater in die nahe gelegene Walsersiedlung  St. Antönien, aufs Chrüez  auf Grap oder ins Wäschchrut waren grossartige Abenteuer. Der abendliche Gang zum Bauern um die frische Milch zu holen, die Besuche bei den Jägern oder Älpler ebenfalls. Viel später als junger Mann bin ich noch ein paar mal mit Freunden, mit der Familie oder mit Gästen auf den Stelserberg zurückgekommen.  Als mir 2018 die Gelegenheit für einen Kreativurlaub geboten wurde  war mir klar, dass ich auf dem Weg der Walser durch den Kanton Graubünden wandern möchte. Leider erkrankte ich in diesem Jahr an Hodenkrebs. So musste ich meine Wanderung um ein Jahr verschieben. Heute, ein Jahr später bin ich krebsfrei  und es geht  mir wieder gut. So gut, dass ich nun meine Wanderung beginne.

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Tag 1: 11. August 2019- Es geht los.

San Bernardino Dorf. Noch nie bin ich hier ausgestiegen. Durchgefahren hingegen des öftern. Auf dem Weg in das Tessin.  Aber angehalten und ausgestiegen? Noch nie.  Bis auf den Tank- und WC-Halt bei der Tankstelle beim Tunneleingang. Und jetzt stehe ich also hier. Auf dem Dorfplatz von San Bernardino. Hier beginnt die Wanderung. Und die Einsicht, was man nicht gesehen hat, sollte man nicht bewerten. Bis jetzt konnte ich mir nicht vorstellen, dass es in San Bernardino ein öffentliches Leben gibt. Die Mineralquelle ist schon lange zu. Die Sportbahnen Konkurs und die Bausünden, die monströsen Überbauungen  stehen statisch im Dorf.  Und jetzt das. Kaum verlasse ich das Postauto ertönt ein freundliches Grüezi oder eben halt ein charmantes  Bongiorno aus dem Kiosk an der Ecke. Ich weiss nicht wie es Ihnen mit solchen Situationen geht. Ich muss dann immer etwas kaufen. Nicht so schlimm finde ich. Schlimmer ist eine andere Situation die mir letzthin passiert ist. Beim Frühstück in einem Hotel bin ich aufgestanden um mir ein Müesli zu holen. Die übereifrige Servicefachfrau glaubte ich sei fertig und verabschiedete mich lautstark mit den Besten wünschen. Ich bin dann halt gegangen ohne mein Frühstück fertig zu Essen. Das passiert mir des Öfteren. Jetzt aber zurück zu San Bernardino. Am Kiosk habe ich mir einen Schokoriegel gekauft und mir versprochen, dass ich in dieses schöne Dörfchen noch einmal zurückkommen werde.

Tag 2: 12. August 2019- Der Geissenflüsterer von Hinterrhein

Auf dem Weg Richtung Hinterrhein passiere ich knapp eine Stunde vor dem Ziel eine Geissenherde (Ziegenherde) die vergnügt am Wegesrand ihre Kräuter frisst. Etwas oberhalb der Herde sitzt ein Männlein. Eingepackt in Regenmantel, mit Hut, Stiefel, ein Buch in der Hand. Es ist, wie ich später im Dorf erfahren werde,  der Hirte. In Hinterrhein werden noch heute um acht Uhr morgens die Ziegen auf dem Dorfplatz gesammelt und laufen dann mit dem Hirten hinauf Richtung San Bernardino.  Pünktlich am Abend um sechs Uhr trotten dann  Ziegen und Hirte wieder auf den Dorfplatz. Der Hirte, einfach der Deutsche genannt, mache diese Arbeit seit rund acht Jahren. Jeden Sommer, vier Monate und danach verreise er in den Süden. Seit acht Jahren meint mein Gastgeber beim „Znacht“ (Abendessen). Er selber würde das nicht aushalten. Aber der Deutsche sei beliebt bei Bauern und den Tieren.  Einfach aufgetaucht und geblieben. Mache seine Arbeit und spreche nie viel. Das lieben auch die Ziegen. Vor dem zu Bett gehen habe ich mich dann noch einmal an das Gespräch erinnert. Abgewogen ob das Ziegenhüten denn auch was für mich wäre. Ziegen fressen pro Tag bis zu drei Kilo Gras und Kräuter.  Wandern mehrere Kilometer durch den Tag und mögen die Stille und die Ruhe. Wandern könnte ich locker stundenlang mit den Ziegen. Aber einfach über Stunden still sein? Ich glaube da würde ich als Radiojournalist in der Rolle als Geissenpeter kläglich scheitern.

Tag 3: 13. August 2019- Das Matterhorn von Vals oder wieder daheim

Alois ist der Alphirt an der Zerveila oberhalb Vals am gleichnamigen Stausee. Ein Stausee  mit dessen Wasser Strom für mehrere hunderttausend Menschen produziert wird.  Das Dorf Vals reich gemacht  und vor Jahrzehnten geteilt hat. Denn dort wo heute das Wasser gestaut wird stand  mit dem Dorf Zerveila einst eine der ersten Walsersiedlungen im Valsertal. Alois weiss von alten Valsern die nie mehr den Weg hinauf zum Stausee gemacht haben, da ihre Eltern Hab und Gut an das Wasser verloren haben. Und auch sonst weiss Alois viel zu erzählen. Auch über die Walser. Er nimmt mich vor die Hütte und zeigt hinauf zum Wahrzeichen der Region dem Zerveilahorn. Das Zerveilahorn ist noch heute  auf jeder grossen Valserwasser- Flasche zu sehen. Das Horn sieht dem Matterhorn in Zermatt verdammt ähnlich bricht es aus mir hervor. Ja und genau darum so Alois , seien die Walser schlussendlich auch hier geblieben. So lange unterwegs und dann am Schluss wieder am Matterhorn. Da verging manchem die Lust weiter zu wandern. Alois ist  ein guter Geschichtenerzähler. Aktuell würde man ihn als Profi im storytelling bezeichnen.

Tag 4: 14. August- Wer benützt eigentlich unsere Wanderwege?

Wandern Sie ab und zu auch auf Alpwanderwegen? Also auf Wanderwegen die durch ein Alpgebiet führen. Ich wandere zur Zeit auf meiner Walserwanderung durch verschiedene Alpregionen. Einmal mehr kommt mir dabei der Gedanke: Wer benützt hier eigentlich den Wanderweg am meisten? Ich kann Ihnen helfen. Am meisten werden Wanderwege in Alpregionen von Kühen, Schafen, Ziegen, allenfalls noch von umgeleiteten Wasserläufen und nicht selten von Bikern genutzt. Nur nicht von den Wandernden. Die können hier nämlich gar nicht mehr wandern. In den aufgeweichten mit Wasser gefüllten Tierfusstritten ist es fast unmöglich vorwärts zu kommen. Warum aber nur spaziert das liebe Vieh am liebsten auf den Wanderwegen? Für mich gibt es zwei mögliche Gründe. Die Tiere lieben das bequeme Vorwärtskommen oder sie ärgern uns Menschen bewusst. An der zweiten Behauptung würde ich mich so aufregen, dass ich fest daran glaube, dass die Tiere den bequemeren Weg bevorzugen, Hoffentlich!

Tag 5: 15. August- Der Schindelmacher vom Safiental

Jakob Gartmann war Jahrzehntelang der Posthalter vom Safiental. Aufgewachsen im Tal und heute noch auch Jahre nach seiner Pensionierung gerne ein Safientaler. Jakob, er bietet mir sofort das Du an, ist heute Schindelmacher im Safiental. Schon als Schüler hat er seinem Vater beim Decken der alten Safierställe geholfen. Im Safiental waren die meisten Häuser und Ställe mit Schindeln gedeckt. Dies ist der grosse Unterschied zu den Bauten im Rheinwald und in Vals, wo die Dächer mit Steinplatten bedeckt sind. Durch die Modernisierung der Landwirtschaft sind auch im Safiental viele höher gelegene Ställe überflüssig geworden. Um diese Ställe vor dem Zerfall zu retten wurde der Verein Safier Ställe gegründet. Innerhalb dieses Vereins ist Jakob zusammen mit Eva Gredig aus Thalkirch für die Produktion der notwendigen Schindeln verantwortlich. Und so produziert Jakob seit bald 16 Jahren Holzschindel um Holzschindel. So ein Schindeldach aus Fichtenholz hält im Hochtal Safien 50 bis 70 Jahre. Zum Beweis zeigt mir Jakob eine 56 Jährige Schindel die er vor Jahren ausgewechselt hat. Im ausgeräumten Postbüro von Jakob wo heute seine Schindelwerkstatt steht, geht es dann noch zur Sache. Natürlich will ich mich als Schindelmacher versuchen. Und schaffe es schon beim Einspannen des Fichtenklotzes einen Holzsplitter im Finger einzufangen. Ich mache aber tapfer weiter !

Tag 6: 16. August – Am Mittagstisch bei der Familie Bandli

Jesses, eigentlich wollte ich ja zur Angelika Bandli als ich auf den Jakob Gartmann, den ehemaligen Posthalter und heutige Schindelmacher vom Safiental getroffen bin. Als ich mich endlich losreissen konnte, Jakob wollte schon lange z Mittag machen, war Angelika natürlich auch parat mit dem Zmittag. Es gebe jetzt nur die Möglichkeit, meint Angelika, dass ich mit Ihnen Zmitag nehme, denn die Kamele, ( wegen den Kamelen habe ich mit Angellika abgemacht)  die müssten jetzt warten. Gerne nehme ich an. Der Tisch füllt sich plötzlich aus allen Ecken. Am Schluss sind wir ganze acht Personen am Tisch und ein Hund unter dem Tisch.  Bei Bandlis helfen im Sommer verschieden langjährige Ferienkinder auf dem Hof mit. Die eigenen drei Kinder sind an diesem Tag in der Schule oder unterwegs. Man stelle sich vor, dann wären wir zu elft an diesem Tisch gewesen! Die Helferinnen, vier von ihnen sind Mädchen und Arne der Student aus Hamburg, kommen  aus Deutschland und sind ein eingespieltes Team. Und ich plötzlich mittendrin. Und auch wen ein Kamel im Safiental speziell ist. So interessant wie diese Unterhaltung an diesem Tisch können auch diese Tiere nicht sein. Und ich habe nicht am meisten gesprochen!

P.s. Die Familie Bandli betreibt in Safien Platz einen Bauernhof mit 33 Yaks, 10 Lamas, Hühner, Laufenten, Katzen einen Hund und 2 Kamele für Angelikas Seelenfrieden. Die zwei  habe ich dann natürlich auch noch besucht. Wir wurden sofort Freunde, das Trampeltier und ich.

Tag 7: 17. August – Der Easy- Rider vom Glaspass

Meine Etappen und die Übernachtungen sind im Voraus geplant. Und so wusste ich bei meinem Etappenziel am Glaspass, dass ich in einem Berggasthaus nächtigen würde. Ein Berggasthaus stellt man sich so vor: rotweissrote Vorhänge an den Fenstern. Auf der Fensterbank und den Tischen Alpenblumen. In den Ecken an der Diele Jagdtrophäen und ausgestellte Knochen. Eine respektable Steinsammlung mit Granit, Gneis, Kalkstein oder einem Kristall und eine gutsortierte Bibliothek mit Alpen- Tier-Wander- und Bergsteigerliteratur. Mich traf der Schock. Hier war nichts von diesen Sachen zu finden. Schon vor der Tür, der Glaspass ist mit einer guten Strasse ausgebaut, stand eine schwere BMW  750 er. Drinnen begann das Reich von Willi. Ein Rocker, ein Easy Rider, ein schwerer Junge. Noch nie habe ich auf einem Raum so viele Modell- Motorräder gesehen. Auf jedem Fensterbrett, auf den Tischen, in den Ecken unter den strengen Augen der ausgestopften Gämsen, überall Motorräder Modelle einer bestimmten bekannten US- Motorradmarke. Es ist logisch, dass statt der Wanderzeitschriften eine wohlausgestattete Auslage an diversen Motorradmagazinen zu finden war. Das beste war aber Willi selber.  Begnadeter Gastgeber und eine zweite Ausgabe von unserem ehemaligen Kugelstoss Weltmeister Werner „Chugelwerni“ Günthör in Postur und Dialekt. Das Zimmer übrigens war dann ganz berggastmässig nüchtern aus Holz und mit weissrotweissen Vorhängen. Ich habe herrlich geschlafen.

Tag 8: 18. August – Zu schnell unterwegs

In vielen Dingen bin ich zu schnell. Im Essen, Trinken, Antworten  Autofahren und auch beim Wandern. Auch bei der Etappe von Thusis auf Obermutten war ich zu schnell. Die 1400 Höhenmeter und die Wanderzeit von rund fünf Stunden verteilt auf 13 Kilometer habe  realisiert, die Höhenkurve dafür vollständig vernachlässigt. Und das ist mir dann nach rund 700 schweisstreibenden Höhenmeter plötzlich schmerzlich bewusst geworden. Mit der Aussicht auf ein kühles Bier und einer am Folgetag eher lockeren Etappe habe ich das Tempo bis am Schluss hochgehalten. Die Quittung gab es dann am Folgetag auf der vermeintlich lockeren Etappe von Obermutten nach Andeer. Schon nach einer Stunde stetem bergabwandern fühlten sich meine Beine an, wie die Beine von  Fabian Cancellara  am Folgetag nach einer vierstündigen  Soloflucht bei der Tour de France im Aufstieg nach Alpe d´Huez. Das forsche Tempo vom Vortag forderte sein Tribut. Ich nahm Tempo heraus und entschied mich am Ziel in Andeer für ein Besuch im Mineralbad. Ganz schnell. Morgen wandere ich langsamer!

Tag 9: 19. August- Thusis Ost der Facebook-Überflieger

Ein wichtiges Etappenziel auf meiner Walserwanderung ist das Dorf Obermutten. Genau dieses Obermutten, dass ich wie oben beschrieben durch meinen heldenhaften Einsatz am Schluss ja doch noch erreicht habe. Mutten und Obermutten, die beiden Walserfraktionen hoch über dem Domleschg gehören seit ein paar Jahren zur Gemeinde Thusis. Thusis-Ost, wie der Wirt von dem Berggasthaus Post lächelnd erwiedert als er mir die Situation erklärt. Denn Sils im Domleschg, ein Dorf das eigentlich direkt unterhalb Mutten und Obermutten im Tal liegt, wollte die Mutterer nicht als man über die Fusion abstimmen durfte. Auch die auf der anderen Talseite liegende Gemeinde Vaz- Obervaz mit der Lenzerheide wollte nicht fusionieren. Da kam halt Thusis zum Handkuss. Handkuss finde ich, weil Obermutten ein Facebook- Star ist.  Die Erklärung bringt mir Herr Wyss, den ich am Abend noch am Telefon habe . Herr Wyss war bis zuletzt ganze 30 Jahre Gemeindepräsident von Mutten und Obermutten. So lang bis eigentlich nur noch zwei Familien im Gemeinderat vertreten waren und eine Fusion zwecks fehlendem Nachwuchs unausweichlich wurde. Heute organisiert Herr Wyss Konzerte in der Holzkirche von Obermutten. Notabene der höchstgelegenen Holzkirche von Europa. Und Frau Wyss betreut die Facebookseite von Obermutten mit dem Holzkirchlein. Anfangs wurden da 60 000 Followers gezählt. Jetzt immerhin noch rund 30 000. Eine Riesenzahl wie ich mit meinen lächerlichen 380 Followers neidlos anerkennen muss.  Da hat sich Thusis doch einen richtigen Facebook-Star geangelt.

Tag 10: 20. August- Es gibt schlechtes Wetter und schlechte Kleidung

Ein ehemaliger Bekannter sagte einmal zu mir er könne so Sprichwörter wie: „ Es braucht immer Zwei für einen Streit- Drei sind Einer zu viel „ und so weiter nicht mehr hören. Solch eine strenge Handhabung der Deutschen  Sprache war mir fremd. Selber habe ich mich  beim Wandern immer wieder optimistisch auf das Sprichwort: „Es gibt kein schlechtes Wetter nur schlechte Kleidung“, gestützt. Bis jetzt. Nach einem Wandertag an einem der regenreichsten Tagen in einer zu diesem Zeitpunkt regenreichsten Region bin ich überzeugt: Es gibt durchaus schlechtes Wetter und schlechte Kleidung. An dem besagten Wandertag  waren meine Wanderhosen, die mit dem Adler aus dem Südtirol ( Kenner wissen welche Marke hier angesprochen wird) innert 30 Sekunden durchnässt. Die Regenjacke aus dem Hause mit den ausgestorbenen Vorgänger der Elefanten ( Kenner wissen auch hier welche Marke aus dem Kanton Aargau angesprochen ist) war innert drei Minuten durchnässt. Und die Schuhe von LW ( auch hier wissen die Kenner….) blieben 10 Minuten trocken. Ich habe am Abend sofort gehandelt. Schuhe und Regenjacke minutenlang mit Imprägnierspray behandelt. Eine teure Regenhose der Marke mit dem Slogan „ich bin raus“ ( und auch hier wissen die Kenner der Szene…) gekauft. Und; eine Badehose. Die trage ich nun bei Regen unter der Regenhose. Ich vertraue keinem mehr wenn es um Wanderungen im Regen geht. Denn ich weiss nun. Es gibt schlechtes Wetter und schlechte Kleidung. Und mit meinem ehemaligen Bekannten muss ich unbedingt wieder  Kontakt aufnehmen.

P.s. Einen Schirm trage ich auch immer mit. Hilft auch ganz gut!

Tag 11: 21. August- Kilometer 32

Aus aktuellem Grund muss ich hier an dieser Stelle noch einmal auf den Eintrag über dasTempo beim Wandern zurückkommen. Erstens schwächelte ich heute ein wenig, es war einfach der Wurm drin, die Beine schwer wie Blei und zweitens liegen noch ein paar happige Etappen von je bis zu 20 Kilometer am Tag vor mir. Wenn die Beine und der Kopf nicht mehr wollen dann muss man die Beiden austricksen. Das ist wie Kilometer 32 beim Marathon. Da will und kann man eigentlich auch nicht mehr. Hier gilt es nun die nächsten vier Kilometer zu überwinden. Kilometer 32 bis 36 sind die schlimmsten Kilometer. Beim laufen habe ich hier immer mit singen überbrückt. Möglichst einfache Kinderlieder, da solche Lieder vielfach mit schönen Erinnerungen verbunden sind. ( Achten Sie hier nicht auf Mitläufer und Zuschauer). Beim wandern habe ich noch ein weiteres Rezept wenn es nicht mehr so will. Ich hole die Wanderstöcke hervor und  achte auf einen regelmässigen Schritt. 60 Schritte in der Minute und nicht mehr und dann läuft es wieder. Heute haben die 60 Schritte in der Minute nicht gereicht. Ich musste auch singen. Heute kam Kilometer 32 etwas früher.

Tag 12: 22. August- Robert Heinz- das Gewissen der Walser

Robert Heinz ist ein aussergewöhnlicher Mann. Er ist Averser, Bergbauer, ehemaliger Politiker, Chronist und ganz wichtig: Walser. Durch und Durch. Er ist sozusagen das Gewissen der Walser. Ich treffe Robert Heinz nicht ganz zufällig. Vor meiner Etappe nach Juf hat mir Nicole Kayser von der Walservereinigung Graubünden ein Treffen mit Robert Heinz vorgeschlagen. Nun glaube ich alles über die Walser zu wissen was man wissen muss. Gut zwei Stunden haben wir uns unterhalten. Ich durfte einen Menschen kennen lernen der noch viel vom Pioniergeist der alten Walser besitzt. Er sei, so Robert früh in den Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters eingestiegen und habe keine Sekundarschule besucht. Wurde früh Biobauer, da in den 90- er Jahre  der Kanton Graubünden die biologische Landwirtschaft  finanziell stark unterstützte. Als Grossrat vertrat er das Avers 20 Jahre lang im Kantonsparlament. Er gründete unlängst eine Stiftung um landwirtschaftsprägende Ställe im Avers vor dem Zerfall zu retten. Ein breites abgeschlossenes Kulturprojekt von Robert Heinz nennt sich „Die Zeitzeugen von Avers“. Das sind Geschichten  und Erinnerungen von älteren Walsern aus dem Avers, die digital aufgenommen und im Staatsarchiv Graubünden gesichert sind. Nur einmal als er schon ganz früh auf Mutterkuhhaltung mit Angusrindern umgestellt habe, habe man im Avers über ihn den Kopf geschüttelt. Lustig die Geschichte als er mit einem befreundeten Bauern ins Appenzellische gereist war um die Schotten zu kaufen. Verkäufer, Viehhändler  Schoch sass in der Beiz und meinte nur sie sollten sich einfach einige Rinder aus der Herde aussuchen. Der Preis 3000 Franken pro Rind. Das die Rinder noch ganz wild waren merkten die Bauern erst beim Verladen und dann zu Hause auf den eigenen Betrieben. Wo er denn sonst noch leben könnte als im Avers frage ich Robert zum Schluss unseres Gespräches. Die Bündner Herrschaft würde im noch gefallen, einfach nicht zu nahe bei den Rätoromanen. Warum? Die hätten schon früher den Walsern nur die am härtesten und am schwersten zu bewirtschaftenden Gebiete und Grundstücke in Graubünden überlassen. Aha. Dieses Fass mache ich an diesem Abend nicht mehr auf.

Am nächsten Morgen ist das Wetter so garstig, dass ich zum ersten Mal das Postauto nehme und die Strecke abkürze. Robert hat noch was gesagt vom Wetter, dass hier unberechenbar schnell umschlagen kann.

Tag 13: 23. August- Späte Gäste

Auf der Etappe von der Alp Flix nach Filisur übernachte ich auf der Ela-Hütte. Die Ela-Hütte gehört der SAC Sektion Davos und ist unter der Woche nicht bewirtet. Das heisst im Normalfall  ist niemand da , der den Wanderer in Empfang nimmt und das anfeuern des Ofens und das Zubereiten einer Mahlzeit ist dem Gast überlassen. Ich komme nach einer ziemlich strengen Etappe in der Hütte an und freue mich auf ein kühles Bier. Die Hütte ist ausgebucht von einer Bergschule mit speziellen Klienten. Solche Jugendliche, wie mir erklärt wird, die es den Erwachsenen und sich selber nicht immer leicht machen. Darum sei für mich in der unteren, alten Ela Hütte ein Platz reserviert. Vorsorglich und vor den Kids in Sicherheit, sei dort auch das Bier platziert worden. Sehr gut. So mache ich mich auf die letzten 100 Meter dieses Tages. Meine Schlafstelle ist eine richtige Schutzhütte. Klein. Ein Raum, Tisch, Bank, acht Schlafplätze mit Militärwolldecken und ein Holzkochherd. Ich mache ich mich an das an- und einfeuern.  Bald treffen Jolanda aus Spanien und Adrienne aus Frankreich ein. Das Paar lebt in Montreux und ist ebenfalls in den Bergen unterwegs. Mangels meinen Französischkenntnissen sprechen wir  Englisch miteinander. Wir richten uns ein, kochen jeder für sich eine einfache Mahlzeit ( ich habe beim letzten Aufenthalt in der Alp Flix Pizokel mitbekommen, die ich jetzt nur noch aufwärmen muss) und trinken gemeinsam Wein. Der Tag war streng und schon bald gehen wir schlafen. Plötzlich es ist knapp vor zehn Uhr in der Nacht wird die Dunkelheit durch zwei Stirnlampen erhellt. Wir bekommen späte Gäste. Völlig erschöpft schleicht sich das Paar in die Hütte, verstaut seine Rucksäcke und legt sich schlafen. Am nächsten Tag erfahren wir, dass sich das Paar mit der Route und der eigenen Kondition völlig überschätzt hat. Rund zehn Stunden waren sie unterwegs und am Schluss in der Dunkelheit sogar noch an der Hütte vorbei gelaufen. Eine ganze Stunde lang hätten sie die Hütte gesucht. Auch mir wäre es nicht wohl in der Nacht nach einer langen Etappe noch meinen Schlafplatz suchen zu müssen. Darum bin ich am morgen immer einer der Ersten der zur Wanderung aufbricht. Und ja, die Wichtigkeit einer Stirnlampe ist mir nach dieser Geschichte wieder einmal bewusst. Ich habe sofort die Batterien in meiner Stirnlampe kontrolliert. Sie leuchtet!

Tag 14: 24. August -Davos mein Ziel

Wenn Sie auch zu den Weitwanderer gehören dann kennen Sie die Schmerzen die den Wanderer kurz vor dem Ziel befallen. Der Schmerz vom Abschied. Bald ist es vorbei. Und ganz schnell kommen die Gedanken ob man dann jetzt wirklich alles verwirklicht hat was man wollte auf dieser Wanderung. Die Antwort lautet bei mir meistens Nein. Ich bin nicht stundenlang barfuss gelaufen, war nicht baden im Bergsee und habe nicht stundenlang den Kühen beim fressen oder dem Schmetterling beim fliegen zu gesehen. Ich war auch dieses Mal bis am Schluss mit gutem Tempo unterwegs und habe die Vorgegebenen Wanderzeiten meist unterschritten. Eines aber habe Ich auf dieser Wanderung verwirklicht. Ich habe tolle Menschen getroffen. Ich habe Einladungen angenommen, zugehört, gelacht und gestaunt. Ich habe Menschen kennen gelernt, die den Pioniergeist der Walser weiterleben. Und je näher ich Davos komme erinnere ich mich an diesen Abend als ich auch hier schon einmal einen tollen Menschen kennen gelernt habe. Meine Frau Ines. Dort steht Sie und wartet auf mich. Die Wanderung geht gut zu Ende.

Auf meiner Wanderung von San Bernardino nach Davos habe ich in vierzehn Tagen knapp 200 Kilometer und 12 000 Höhenmeter zurück gelegt. Einmal habe ich mit dem Postauto abgekürzt. Einmal Schnipo bestellt und mich sonst beim Essen überraschen lassen. Ich habe nur gerade vier andere Wanderer auf diesem Weg getroffen. Dafür viele Kühe, Ziegen, Schafe, Eichhörnchen, Bergmolche eine Erdkröte, Lamas und ein  Trampeltier. Und Biker, ja  Biker habe ich auch ein paar getroffen. Ich bin glücklich und stolz diesen Weg  erwandert zu haben.

Meine Erlebnise auf dem Walserweg sind auch auf Radio SRF 1 zu hören:

https://www.srf.ch/sendungen/treffpunkt

Die Walser

Vor rund 700 Jahren verliessen erste Familien ihre Heimat im Oberwallis. Über das Piemont in Italien und das Tessin gelangten die Walliser in den heutigen Kanton Graubünden, Lichtenstein und in den Vorarlberg in Österreich. Aus den Wallisern wurden die Walser.

Meistens liessen sich die Neuankömmlinge in den hinteren Regionen der Täler nieder. Von den Walsern wurde die Rodung und die Bearbeitung des neuen Landes verlangt, einen Zins an die Freiherren und die Verpflichtung zu Kriegsdiensten. Dafür bekamen die Walser die rechtliche Eigenständigkeit, persönliche Freiheit  und die freihe Erbleihe von Grund und Boden, das sogenannte Walserrecht. In den späteren Jahren kamen immer mehr Familien in die neuen Gebiete. Angelockt nicht nur durch eine bessere wirtschaftliche Chance sondern auch  durch diese die rechtliche Eigenständigkeit.

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